Eine Frau arbeitet in einer Baumschule und veredelt Avocados.

Neue Wege

Neue Wege

Projektarbeit im Umbruch

Seit mehr als 40 Jahren engagiert sich Menschen für Menschen in Äthiopien. Der Erfahrungsschatz ist groß, doch die Bedingungen im Land ändern sich. So bleibt die Stiftung stets im Wandel – und sucht nach innovativen und manchmal überraschend einfachen Lösungen.

Viele Äthiopierinnen und Äthiopier beschreiten mit Menschen für Menschen neue Wege: sie testen Innovationen auf ihren Feldern und in ihren Gärten, wagen sich an Unbekanntes und verändern damit ihr Leben und das der ganzen Gemeinde zum Positiven.

Pimp die Avocados

Seit mehr als drei Jahren betreibt Menschen für Menschen ganz in der Nähe der Kleinstadt Alga im Projektgebiet Nono Benja die Koleti Baumschule – und in ihr ein Avocado-Projekt. Obwohl sich das gemäßigte Klima der Region, rund 275 Kilometer südwestlich von Addis Abeba, ohne Frost und mit vielen Sonnenstunden, gut für den Avocado-Anbau eignet, gab es die Frucht zuvor hier kaum. Oder nur die lokale Art. Deren Bäume brauchten bis zu sechs Jahre, bevor sie das erste Mal Früchte trugen, und die Avocados bestanden aus einem sehr großen Kern, umschlossen von wenig brauchbarem Fruchtmark. „Wenn wir sie aber mit anderen Arten kreuzen, können wir die Wartezeit auf die erste Ernte halbieren“, sagt David Ayele, der in Nono Benja für den Bereich nachhaltige Landwirtschaft zuständig ist. Außerdem seien die veredelten Bäume resistenter gegen Krankheiten, sagt er, sie wüchsen eher niedrig, also in perfekter Pflückhöhe, und die Frucht selbst beinhalte mehr Fruchtfleisch.

Nach der Veredelung werden die Bäume an Landwirte verteilt. Dank der Avocado-Früchte können sich die Familien ausgewogener ernähren und verdienen ein wenig Geld: Umgerechnet rund 30 Cent bekommen sie pro Kilo. Für die Bauern, die bisher zumeist ihr angebautes Getreide zu sich nahmen und kaum eigenes Einkommen generierten, sind die Marktfrüchte eine Chance – genauso wie die Bananenableger und Kaffeesetzlinge, die sie ebenfalls aus der Koleti Baumschule erhalten.

In einer Baumschule werden Avocados veredelt.
In der Baumschule der Stiftung veredeln Mitarbeitende Avocados. Die veredelten Bäume tragen schneller Früchte mit mehr Fruchtfleisch und sind resistenter gegen Krankheiten.
In der Kolati Baumschule werden Avocadobäume veredelt.
Landwirte können mit Avocados auf dem Markt ein zusätzliches Einkommen generieren. Auch Bananen, die die Stiftung an sie verteilt, verkaufen sich gut.

Kleine Helfer, gesunde Böden

Eine starke Pflanze allein reicht oft nicht, um ihren Besitzern reiche Ernten zu bescheren. Ebenso wichtig ist die Erde, in der sie wächst. Viele der Böden in Äthiopien sind jedoch ausgelaugt. Um auf ihnen trotzdem produktiv anbauen zu können, müssen die Landwirte nachhelfen und ihre Felder mit teuren, chemischen Düngemitteln behandeln.

Doch nicht nur der hohe Preis ist das Problem des künstlichen Stickstoff-Düngers. Während bei der energieintensiven Herstellung immense Treibhausgas-Emissionen entstehen, belastet er vor allem bei Überdüngung die Umwelt und Gewässer. Spätestens durch den Ukraine-Krieg und die Sanktionen gegen Russland, woher viele chemische Düngemittel kommen, sind diese zudem schwerer zu erhalten. Seit 2024 setzt Menschen für Menschen daher verstärkt auf ein organisches Hilfsmittel: den Kompostwurm.

Landwirte erhalten ein Starterset von zwei Kilo Würmern, rund 3.000 Tiere, ein mehrtägiges Training und Baumaterialien für zwei Wurmkisten. So auch der 52-Jährige Ermias Langano. Bei ihm stehen sie ein paar Schritte von seinem Wohnhaus entfernt. Regelmäßig befüllt er sie mit dem Wurmfutter: Blättern, Kuhmist, Gras und Stroh. Er durchmengt das Wurm-Abfall-Humus-Gemisch und gießt es. Am Anfang war Ermias skeptisch und startete deshalb ein Experiment. Auf einem kleinen Teil seines Teff-Feldes verteilte er den Wurm-Humus, den Rest behandelte er mit herkömmlichem Dünger. Das Ergebnis ist sehr eindrücklich: Während sich auf der linken Seite der Tür die herkömmlich gedüngte Zwerghirse stapelt, türmt sich auf der anderen Seite der Wurmkompost-Teff fast doppelt so hoch.

Die Würmer sind nicht nur fleißige Humusproduzenten, sie vermehren sich auch rasant: nach sieben Monaten leben in Ermias Kisten heute geschätzt 20.000 Würmer. Ein paar Tausend mehr sollen es noch werden. Dann kann Ermias beginnen, neben ihrem Öko-Humus auch die Würmer zu verkaufen. An andere Landwirte in der Gemeinde oder als Tierfutter.

Der Landwirt Ermias Langano düngt seine Felder mit selbst hergestelltem Wurmkompost.
Wurmpflege: Regelmäßig besprenkelt Ermias Langano das Humus-Erd-Gemisch in seiner Wurmkiste mit Wasser.
Wurmkompostierung im Projektgebiet Boreda
Hand voll Glück: Dank der Würmer steigen die Ernteerträge.

Jeden Tag ein Ei

Den Hühnern von Mekibib Bontos würde die proteinreiche Kost auf jeden Fall schmecken. Wenige Kilometer von Ermias Garten entfernt, gackern sie aufgeregt, wenn die 25-jährige Äthiopierin in einem Arbeitsanzug und Gummistiefeln in den Stall tritt und ihre Tränken mit neuem Wasser und Futter befüllt. „Sie brauchen ausreichend Essen und Trinken und morgens ihre Ruhe“, erklärt die Arbeiterin. Dann legen zwischen 90 und 120 der insgesamt 150 Hennen täglich ein Ei. Diese verkaufen Mekibib und ihre vier Kolleginnen und Kollegen für je acht Cent auf dem Dorfmarkt.

Seit Ende 2023 führen die fünf ihre Hühnerfarm in der Gemeinde Goshe Zele. Von den lokalen Behörden bekamen sie ein Grundstück, von Menschen für Menschen Hühner gestellt. Die Stiftung organisierte zudem für sie eine Schulung. Darin lernten sie viel über die Tiere, ihre angemessene Haltung, sie analysierten den Absatzmarkt für ihre Eier und schrieben einen Business-Plan. Mit solchen Workshops und der Unterstützung bei der Gründung von Mikro-Unternehmen möchte die Stiftung der hohen Arbeitslosigkeit unter jungen Äthiopierinnen und Äthiopiern etwas entgegensetzen. Über die letzten Jahre ist die Jobsuche zu einer Herausforderung für das ostafrikanische Land geworden. Der steigenden Anzahl gut ausgebildeter und qualifizierter Menschen mangelt es an Beschäftigung, vor allem abseits der größeren Ballungszentren.

Mekibib studierte Tierwissenschaften. Nach ihrem Abschluss fand sie zwei Jahre keine Anstellung, half stattdessen ihrer Mutter im Haushalt. Dank der Hühnerfarm ist sie nun die erste in der Familie, die außerhalb der eigenen kleinen Landwirtschaft arbeitet und Geld verdient. Und sie kann das Gelernte in ihrem Alltag anwenden.

Seit Ende 2023 führen die drei jungen Äthiopier eine Hühnerfarm in Boreda.
Ei, Ei, Ei: Mekibib Bontu, (r.) und die anderen Hühnerfarm-Besitzer freuen sich über ihre gesunden Hennen.
Bis zu 120 Eier am Tag legen die Hennen in der Hühnerfarm.
Bis zu 120 Eier am Tag legen die Hennen in der Hühnerfarm am Tag.

So einfach ist es, zu helfen!

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